Zum Inhalt (Access key c)Zur Hauptnavigation (Access key h)Zur Unternavigation (Access key u)

Lehrfahrt nach Polen

Polen

Lang ersehnt war sie, die Lehrfahrt nach Polen. Im letzten Berufsschuljahr machte sich die Landschaftsgärtner-Oberstufe des Gregor-Mendel-Berufskollegs aus Paderborn, ein bunt gemischter Haufen von 30 Schülern des Alters 18 bis 34, auf gen Osten. Pünktlich und früh wurde der Reisebus von der erwartungsvollen Reisegruppe mit den Begleitern und Lehrern Klaus Tschierschky und Ulrike Sturm bestiegen.

Wurde der frühe Teil der Anreise noch von einigen Schülern in einem leichten Dämmerzustand bestritten, so beanspruchte der dreistündige, prüfungsvorbereitende Unterricht doch die volle Aufmerksamkeit. Der Begriff Lehrfahrt wurde sehr ernst genommen und wir befanden uns somit nicht in einem "fliegenden Klassenzimmer", dafür aber in einem rollenden…

Nach einer anstrengenden Fahrt durch den wilden Osten, so versiegelt ist unser Land doch noch nicht, konnten uns an der Grenze auch abgelaufene Ausweise nicht an der Fortsetzung unserer Fahrt hindern. Mit zwei sehr erleichterten Schülern fuhren wir nun durch ein Land, das die meisten nicht kannten, von dem sie aber schon viel gehört hatten.

Beschäftigten wir uns in der Schule mit Renaturierung, Böschungssicherung und Hochwasserschutz, konnte in Polen schon direkt nach der Grenze ein Eindruck gewonnen werden, wie wichtig Auenwiesen und -wälder sind. Die Weite und Naturbelassenheit des Landes samt ökologischer Funktion stellten eine eindrucksvolle Lehrstunde ohne Worte dar.

Unser erstes Ziel in Polen war die Stadt Bydgoszcz. Dort waren wir die Gäste einer gartenbaulichen Berufsschule und uns wurde am Abend ein herzlicher Empfang geboten, so dass wir uns sehr schnell satt und willkommen fühlten.

Am Dienstag stand für unsere Reisegruppe der erste von drei straffen, aber sehr interessanten Tagen an. Nach der Überbringung bester Grüße und Wünsche unseres Schulleiters und der Übergabe unseres Gastgeschenks, eines heimischen Apfelbaums, begaben wir uns auf eine Brauereibesichtigung in Bydgoszcz. Ohne obligatorische Bierprobe besuchten wir im Anschluss eine städtische Forstbaumschule. Für uns aus Deutschland ein ungewöhnliches Prinzip, wird in heimischen Forsten doch die Naturverjüngung praktiziert.

 

Auf 4 ha werden pro Baumschule, die Stadt Bydgoszcz hat derer fünf, jährlich bis zu 1,5 Millionen Jungpflanzen gezogen, bei einem privaten Abverkauf von 15 %. Ähnlich wie auf dem deutschen Markt kaufen die wirtschaftlich aufstrebenden Chinesen auch in Polen Holz auf, der Exportmarkt ist somit sehr stabil. Auch in Polen zeigt sich der Trend vom Nadel- zum Laubgehölz.

Nach einer urigen Mittagspause machten wir uns auf, um eine ortsansässige GaLa-Baufirma zu besichtigen. Der Betrieb hat sich auf die Verwendung von Natursteinen aus der Region spezialisiert. Hier interessierten uns vor allem Fragen nach den beruflichen Möglichkeiten. Bis deutsche Gastarbeiter ihren Lohn in Polen erhalten, werden wohl noch einige Jahre vergehen, ist der Verdienst im "Neuen Europa" bis jetzt nur halb so hoch. Auch die Qualität der Ausbildung wurde von uns eher mit Skepsis betrachtet. Ein duales Ausbildungssystem wie in Deutschland gibt es nicht, auch die betriebliche Ausbildung sucht man vergebens. Nach dem Besuch der Berufsschulen macht man eine dreimonatige fachliche Spezialisierung und erhält im Anschluss ein Zertifikat - fertig!
Glück dem, der das Handwerk von seinem Vater lernt, nach wie vor die häufigste praktische Wissensvermittlung.

Nach diesem ersten Tag stand uns der Abend zur freien Verfügung, nochmals überrascht von der Freundlichkeit und Offenheit der polnischen Gastgeber wurde uns Bydgoszcz "by night" gezeigt und auch unsere letzten Vorurteile über Bord geworfen.
Leider hieß es nun auch für uns Abschied nehmen, am nächsten Tag ging es für uns weiter nach Swarozyn, eine mittelgroße Stadt im Danziger Großraum. Diesmal bezogen wir Herberge in der ansässigen agrarwirtschaftlichen Schule.

Zuerst bekamen wir den historischen Beweis, dass das neue Europa ein altes Gebilde ist, ein kultureller und wirtschaftlicher Freihandel, der lediglich nach den Wirren der Weltkriege wiederbelebt wurde. Wir besuchten ein 1895 von französischen Geld erbautes preußisches, nun polnisches Gestüt, auf dem bis zu 120 Pferde auf 10 ha in vier denkmalgeschützten Hallen sich das Fell striegeln lassen können.

Der anschließende Besuch der privaten Baumschule "Pesta" war für uns dann wieder eher vom Fach. Der sehr engagierte polnische Gärtnermeister zeigte uns seinen Betrieb mit 3 ha Produktionsfläche und gewährte uns einen Einblick in seine Produktion, sein persönliches Steckenpferd ist die Anzucht aus eigenen Samen. Wir waren allesamt sehr beeindruckt von der Vielfalt der angebotenen Pflanzen. Auch konnten keine allzu großen Unterschiede zur uns bekannten Angebotspalette gefunden werden. Auch der Im- und Export des Betriebes hält sich die Waage. Immer mehr polnische Baumschulen drängen auf den russischen Markt, für dieses Unterfangen ist die mittelständische Baumschule "Pesta" jedoch zu klein. Den Druck der holländischen Konkurrenz, der auch in Polen vorherrscht, bekommen sie hingegen auch zu spüren.

Nach der Firmenbesichtigung wurde uns auch ein angelegter Garten gezeigt, ein großes Projekt samt Fischteich, Jagdhaus und insgesamt drei Wohnhäusern sowie einem Tennisplatz.
Auf einem zwei Hektar großem Areal konnten wir somit einen Abgleich mit dem Stand der Dinge und den gestalterischen Mitteln in Deutschland machen. Im Vergleich zu dem, was wir bisher in der Vorbeifahrt gesehen hatten, ist hier ganz offensichtlich ein polnischer Profi am Werk gewesen. Jedoch wurden auch schnell Unterschiede in der Art und Weise der Gestaltung offensichtlich. Eine natürliche und wilde Gartengestaltung, wie sie bei uns in Deutschland mittlerweile häufig zu sehen ist und vom Kunden bevorzugt wird, sucht man in Polen vergebens. Eine klare, schlichte Aufteilung und Form ist hier das Maß aller Dinge - Zäune und Tore zur Grundstücksabgrenzung ein Muss. Besonderes Augenmerk wird auf Steinarbeiten gelegt. Flächen und Wege werden bevorzugt aus Naturstein gebaut. In den klar eingefassten Pflanzbeeten herrschen Nadelgehölze vor, schmuckvolle japanische Ziergehölze, die zu Hause im Rahmen von Feng-Shui gerade en vogue sind, sucht man nahezu vergebens. Auch der Besatz mit Stauden ist eher spärlich ausgefallen.
So kann gesagt werden, wenn sich schon mal jemand in Polen den Garten machen lässt, dann wird der Natur ein fester Rahmen gesetzt.
Hier musste jedoch die ein oder andere Kritik laut werden an der Qualität der verrichteten Arbeit, Kreuzfugen sind beim besten Willen kein gestalterisches Mittel und diverse Entwässerungsrinnen, die ohne jegliche Funktion und Sinn eingebaut wurden, zeigen die dortige Konzeptionslosigkeit in technischer Hinsicht.
Eine gute Ausbildung zahlt sich am Ende immer aus!

Nach einem weiteren informationsreichen Tag, ließen wir abends bei polnischen Spezialitäten das Gesehene am Lagerfeuer Revue passieren.
Am Donnerstag hatten wir kein fachliches Programm, jedoch auch kein unbedeutendes. Wir besichtigten zwei Denkmäler deutschen Wirkens in der Region, die unterschiedlicher nicht sein konnten.
Der erste Programmpunkt des Tages war die Marienburg, von der aus der Deutsche Ritterorden, aus einem Hospitalorden entstanden, sich um die Versorgung Kranker kümmerte und die Christianisierung der Region vorantrieb. Dank einer lustigen und rasanten Burgführung konnten wir uns ein Bild des mittelalterlichen Lebens machen.
Nach einer kurzen Fahrt durchs Umland betraten wir jedoch ein Mahnmal, dessen dunkle Geschichte immer noch über Europa und vor allem über Deutschland hängt: das Konzentrationslager Stutthof. Ein dunkler Ort für über 110000 Gefangene gemischter Nationen, Religionen oder Gesinnungen, für die die Befreiung am 9. Mai 1945 leider zu spät kam.
Bedrückende Informationen, die bei einem Strandspaziergang in den Weiten der frischen Nehrung an der Ostsee nochmals diskutiert wurden.

An unserem letzten und Abreisetag lag noch ein Besuch der Stadt Danzig vor uns, die wunderschön und voller Leben war, jedoch in der uns verbleibenden Stunde nicht in seiner Fülle genossen werden konnte. Immerhin lagen die Rückfahrt und drei weitere Unterrichtsstunden im rollenden Klassenzimmer vor uns.
Als dann endlich um drei Uhr in der Früh unsere Berufsschule hinter den Fenstern erschien, waren wir froh, angekommen zu sein. Jeder hatte eine lustige und abwechslungsreiche Reise gewagt und viele neue Eindrücke nebst Zigaretten im Gepäck mitgebracht.

Anschrift

Gregor-Mendel-Berufskolleg
Bleichstraße 41a
33102 Paderborn
Deutschland

Kontakt

Telefon: 05251 87005 - 7
Telefax: 05251 87005 - 8099
E-Mail senden